Lenders zu Antisemitismus

7. November 2019

Antisemitische Straftaten nehmen zu – muss die Politik mehr tun, um Juden und jüdische Einrichtungen zu schützen?

Wer liest eigentlich diese Kolumne? Gibt es unter den Lesern der Fuldaer Zeitung Antisemiten? Statistisch gesehen ist das sehr wahrscheinlich. Laut einer Studie des Jüdischen Weltkongresses hat jeder vierte Deutsche antisemitische Gedanken. Dennoch dürfte die erste Reaktion von uns allen auf diese Frage sein: Nein, doch nicht hier in Fulda, doch nicht in unserer bürgerlichen Mitte. Aber ich fürchte, wir müssen genau das konstatieren: Der Antisemitismus kommt aus unserer Mitte.

Wir hatten in Deutschland nach 1945 das kostbare Glück, dass eine kleine jüdische Gemeinde in Deutschland verblieb. Inzwischen sind die jüdischen Gemeinden und ihr vielfältiges religiöses und kulturelles Leben in vielen Städten Deutschlands wieder selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft geworden. Juden in Deutschland tragen in  vielfältiger Weise zum aktiven gesellschaftlichen Leben bei.

Wie eine Gesellschaft mit ihren Minderheiten umgeht, ist ein verlässlicher Indikator ihrer politisch-moralischen Verfasstheit. Nicht erst seit Halle sendet dieses Frühwarnsystem verstörende Signale. Auch die seit langem hörbare Verrohung der Sprache hätte uns alarmieren müssen. Im Talmud steht: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte, achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.“

Ich bin der Überzeugung, das wir einen umfassenden kulturellen Wandel brauchen. Wir brauchen eine neue Form des Umgangs miteinander, des Meinungsaustausches und der Lösungsfindung. Kurzfristig muss die Antwort auf den Antisemitismus eine polizeiliche sein: eine bessere technische und personelle Ausstattung der Polizei, Ausbau der Meldestellen für antisemitische Vorfälle, Entwaffnung von Rechtsextremen, Verbot extremistischer Organisationen. Mittelfristig muss die Antwort eine kulturelle sein: Neue didaktische Modelle der Geschichtsvermittlung angesichts des baldigen Verzichtes auf Zeitzeugen, bessere Medien- und Methodenkompetenz aller zum Durchschauen von fake-News, Thematisierung von Antisemitismus nicht nur im Lehramtsstudium, sondern auch in der Beamtenausbildung, Auf- und Ausbau des deutsch-israelischen Jugendwerkes.

Verknüpft man obigen Befund, dass jeder vierte Deutsche antisemitisches Gedankengut in sich trägt, mit den neuesten Erkenntnissen der (politischen) Psychologie zur Frage, wann eine Mehrheitsmeinung kippt und sich eine Minderheitenmeinung durchsetzt, wird deutlich, wie wichtig auch eine zivilgesellschaftliche Antwort ist. Laut einer Studie der University of Pennsylvania werden geltende Überzeugungen dann in Frage gestellt, wenn rund 25% der Gesellschaft eine andere Meinung vertreten. Ab dieser kritischen Masse fängt auch die Mehrheit an, sich zu fragen, ob sie denn die richtige Meinung vertrete und auf der richtigen Seite stehe. In unserem Zusammenhang: Ob nicht vielleicht doch was dran ist, an den Vorwürfen gegenüber den Juden? Nein! Und nochmals Nein! Hören wir auf in Vorurteilen und Stereotypen zu denken, die von der Forschung tausendhaft widerlegt worden sind. Lassen wir es nicht so weit kommen, dass diese Gedanken (wieder und weiter) virulent werden!

Das oben angeführte Zitat aus dem Talmud geht übrigens folgendermaßen weiter: „Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten, achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter, achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal!“